Black Box Trennungsprozesse

Mit Kennzahlen lässt sich heutzutage in Unternehmen alles erdenkliche messen. Tatsächlich überfordert der Überfluss an Reportings so manche ManagerIn. Ein Bereich wurde allerdings bis dato von dieser Entwicklung weitgehend verschont, nämlich Trennungsprozesse, deren Auswirkungen für Unternehmen noch weitgehend eine Black Box darstellen. Dabei liefern sie wichtige Hinweise für die Organisation.

Negative Kommentare auf Facebook und Twitter, hohe Gerichtskosten und eine schlechte Stimmung im Betrieb: Die mess- und spürbaren Auswirkungen von Kündigungen und Personalabbau lassen nicht nur Rückschlüsse auf die Güte der Trennungsprozesse zu, sondern liefern auch wichtige Antworten auf die folgenden Fragen:

  1. Wie wird das Unternehmen aktuell in der Öffentlichkeit und von Investoren wahrgenommen?
  2. Wie ist es um die Organisation selbst bestellt ist und wie reagieren die Bleibenden darauf?
  3. Wie erleben scheidende Mitarbeiter das Off-Boarding und damit die Arbeit der HR-Abteilung im Trennungsmanagement?

 1. Öffentlichkeit/Investoren/KundInnen

Einzelne Kündigungen hinterlassen in der Öffentlichkeit – also in der Gesellschaft, in den Medien und an der Börse – keine allzu große Wirkung - Personalabbau hingegen schon. Diese Auswirkungen zeigen sich bei börsennotierten Unternehmen häufig in einer Veränderung des Aktienkurses. Der steigt nicht automatisch durch die Bekanntgabe von Personalfreisetzungen. Die Märkte haben in der Vergangenheit sehr sensibel und unterschiedlich auf dieses Thema reagiert. Investoren scheinen sehr genau zu beobachten, zu welchem Zeitpunkt, in welchem Umfeld und in welchem Ausmaß Unternehmen Personal abbauen – und ob diese Entscheidung wirtschaftlich sinnvoll erscheint oder nicht.

Wie der Aktienkurs reagiert, hängt auch davon ab, welches Image sich ein Unternehmen in der Vergangenheit aufgebaut hat. Dieses Image wird zu einem sehr großen Teil in den Medien transportiert. Neben den Printmedien werden dabei die sozialen Medien immer wichtiger. So wurde via Social Media schon erfolgreich zum Boykott gegen Unternehmen wie Amazon aufgerufen. Daher ist es äußerst wichtig zu beobachten, wie die Medien auf Personalfreisetzungen reagieren – um entsprechend gegensteuern zu können. Eine besonders gute Kennzahl ist die Anzahl der (positiven bzw. negativen) Unternehmensbewertungen auf diversen Plattformen. Hier zeigt sich, dass jede einzelne Trennung entscheidend sein kann, weil jeder ehemalige Mitarbeiter das Image des Unternehmens auf Bewertungsplattformen mitbestimmen kann und damit einen Einfluss auf die Attraktivität der Organisation hat. Denn potenzielle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter informieren sich im Vorfeld von Bewerbungen unter anderem auf Plattformen wie kununu oder glassdoor. Schlechte Bewertungen konterkarieren somit aufwendige Employer-Branding-Kampagnen und haben damit einen doppelten Negativeffekt wenn es um die Ansprache potenzieller MitarbeiterInnen geht.

 2. Organisation/Bleibende

Im Zuge von Trennungen kommt natürlich den Bleibenden eine ganz besondere Bedeutung zu. Schließlich und endlich möchten Unternehmen mit ihnen in Zukunft erfolgreich weiterarbeiten. Der psychologische Vertrag, den eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter mit dem Unternehmen schließt und der Loyalität, Produktivität und Leistung garantiert, ist nicht unendlich strapazierbar. Zerbricht dieser Vertrag, machen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch nur mehr Dienst nach Vorschrift und das hat verheerende Folgen für die Produktivität. Produktivitäts- und Qualitätskennzahlen sind also auch ein Gradmesser dafür, wie Trennungen von den Bleibenden bewertet werden. Hinzu kommt noch die Veränderung in der Anzahl der Krankenstandstage sowie der Fluktuation. Steigt die Fluktuation und verlassen auch High-Performer das Unternehmen, so besteht jedenfalls Handlungsbedarf von Seiten des HR-Managements.

 3. Betroffene

Von den Betroffenen selbst bekommen Sie das direkteste Feedback zur Qualität ihres Trennungsmanagements. Enorm wichtige Maßzahlen sind hier einerseits die Anzahl der einvernehmlichen Trennungen und andererseits die Anzahl der Fälle von Kündigungsanfechtungen in Ihrem Unternehmen. Bei jeder Trennung sollte der Fokus darauf liegen, eine einvernehmliche Auflösung des Dienstverhältnisses zu erreichen. Denn diese bietet Vorteile für beide Seiten:

Einvernehmliche Auflösungen bieten eine hohe Rechtssicherheit und lassen sich nur sehr eingeschränkt vor Gericht anfechten. Beide Parteien sparen sich somit in der Regel die Kosten für teure Gerichtsprozesse im Streitfall. Betriebsverfassungsrechtliche Vorverfahren müssen bei einvernehmlichen Auflösungen nicht eingehalten werden (allerdings hat der Betriebsrat ein Mitwirkungsrecht). Für die Dienstnehmer von Vorteil ist, dass sie ihre Abfertigung Alt nicht verlieren – und normalerweise auch keine Sperrfrist beim Arbeitslosengeld haben.

Zugegeben fällt es im einen oder anderen Fall gar nicht so leicht, eine einvernehmliche Auflösung zu erzielen, doch besonders wenn auf der Beziehungsebene davor schon einiges schiefgelaufen ist, sollten die handelnden Personen (Führungskraft, HR-Management) dieses Ziel nicht aus den Augen verlieren. Denn einvernehmliche Auflösungen senken nicht nur die Kosten der Trennung. Sie verhindern auch häufig, dass Mitarbeiter sich während oder nach der Trennung – gegenüber Kollegen oder in sozialen Medien – negativ über das Unternehmen äußern.

Wie Menschen auf Trennungen reagieren, hängt zudem stark von der Qualität des gesamten Offboarding-Prozesses ab. Dazu gehören zum Beispiel das Trennungsgespräch und ein abschließendes Feedback-Gespräch, eventuell auch eine New Placement Beratung, in der die Trennung nachbearbeitet wird. Um zu erfahren, wie Mitarbeiter den Trennungsprozess erlebt haben, eigne sich zum Beispiel ein lockeres Gespräch beim Abholen des Dienstzeugnisses oder der Rückgabe der Schlüssel, verriet mir eine HR-Managerin.

Entscheidend ist, dass Unternehmen beginnen, die Reaktionen auf Trennungen zu dokumentieren und zu messen – ob sich diese in einer Veränderung des Börsenkurses niederschlagen, in negativen Bewertungen in Exit-Gesprächen oder in den sozialen Medien. Die Rückmeldungen können wertvolle Hinweise geben, die helfen, Prozesse zu verbessern und als Arbeitgeber an Attraktivität zu gewinnen.

Gutes Gelingen!

Michael Hanschitz

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